Autismus und Gefühle

Autisten und Gefühle

Für viele Menschen sind das, so habe ich das mitbekommen, zwei unvereinbare Gegensätze, aber ich denke, das stimmt nicht.

Autisten haben sehr wohl Gefühle, es mangelt ihnen oft nur an der Fähigkeit dieselben angemessen und allgemein verständlich zu zeigen.

Oder was auch passieren kann, ist, dass sie im falschen Moment die falschen Gefühle zeigen.
Da mir kein passendes Beispiel aus meinem Leben einfällt, das dies auch gut verdeutlicht, werde ich eine Passage aus dem Buch ¨Schau mich an¨ von John Elder Robison, zitieren:
„Einmal hatte meine Mutter ihre Freundin Betsy zu sich eingeladen. Ich schlenderte herein, als sie auf dem Sofa saßen, Zigaretten rauchten und redeten. Betsy sagte gerade: „Hast du das von Eleanor Parkers Sohn gehört? Am letzten Samstag wurde er von einem Zug überfahren und getötet. Er hat auf den Gleisen gespielt.“ Ich lächelte bei ihren Worten. Mit einem geschockten Gesichtsausdruck fuhr sie mich an: „Findest du das etwa komisch?“ Ich war verlegen und fühlte mich ein wenig gedemütigt. „Nein, das tue ich nicht“, erwiderte ich und verzog mich. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wusste, sie glaubten, es sei schlecht, wenn ich lächelte, aber ich wusste nicht, warum ich gerade gegrinst hatte, und ich konnte nichts dagegen tun. […].
Als ich hinausging, hörte ich Betsy sagen: „Was ist mit dem Jungen los?‘
Meine Mutter schickte mich zu Therapeuten, die sich alle auf die falschen Dinge konzentrierten. Meist fühlte ich mich danach noch schlechter, als ich es ohnehin schon tat, weil sie auf meinen sogenannten bösen und soziopathischen Gedanken herumritten.[…]. Keiner von ihnen fand heraus, warum ich grinste, als ich hörte, dass Eleanors Kind von einem Zug überfahren worden war.
Aber inzwischen weiß ich es. Ich habe es ganz alleine herausgefunden.
Ich kannte Eleanor eigentlich gar nicht. Und ich hatte ihr Kind nie kennengelernt. Also gab es für mich keinen Grund, weswegen ich Freude oder Kummer empfinden sollte, wenn ihnen etwas passierte. An jenem Sommertag ging mir einfach Folgendes durch den Kopf:
Jemand ist umgekommen.
Mann! Bin ich froh, dass ich nicht umgekommen bin.
Bin ich froh, dass Racker* oder meine Eltern nicht umgekommen sind.
Bin ich froh, das meine ganzen Freunde okay sind.
Das muss ein ziemlich blöder Junge gewesen sein, wenn er auf den Eisenbahngleisen gespielt hat.
Ich würde nie so von einem Zug überfahren werden.
Bin ich froh, dass ich okay bin.
Und am Ende lächelte ich vor Erleichterung. Was auch immer diesen Jungen umgebracht hatte, würde mir nicht passieren. Ich kannte ihn ja nicht mal. Alles würde okay sein, zumindest für mich. Heute würde ich in einer solchen Situation genau das Gleiche empfinden-mit dem Unterschied, dass ich inzwischen meine Mimik besser unter Kontrolle habe.¨
(John Elder Robison: Schau mich an. Fackelträgerverlag. Köln 2008. S. 53-55)

Ich finde, dieser Textausschnitt zeigt sehr gut die Tatsache auf, dass Autisten Gefühle haben.
Sie zeigen und äußern sie nur anders, auf ihre Art. Zeitlich versetzt, ungewohnt, eben anders.
Es spielt natürlich noch ihre Art zu denken eine Rolle.

Das Problem, das viele Autisten haben, ist, wie ich annehme, dass man vielleicht nur ihre extremen Gefühle wahrnimmt.
Die anderen, nicht ganz so starken Gefühle, wie eine alltägliche Freude an etwas oder eine freundschaftliche Zuneigung, dringen bei Autisten oft nicht so stark an die Oberfläche (also sichtbar im Gesicht als Gesichtsausdruck), sodass andere sie als nicht existent wahrnehmen.
Deshalb glauben viele Menschen, Autisten seien kalte Wesen, ohne jegliche Emotionen.

Aber wie gesagt, das ist alles falsch, die Gefühle sind da, nur ein bisschen anders.
Wir haben also Gefühle.
Wir fühlen Gutes, Schlechtes, Liebe, Zuneigung, Zorn, Hass, Wärme, Scham, Loyalität, Treue, alles! Aber wir können es nicht so wie andere Menschen ausdrücken und zeigen. Es gelingt uns einfach nicht.
Warum weiß ich nicht. Dazu fragt bitte die medizinischen und psychologischen Autismusspezialisten!
Aber ich und die anderen, wir haben Gefühle.

Ich habe aber Schwierigkeiten, sie angemessen auszudrücken und zu zeigen.
Wenn ich zum Beispiel denke, dass ich gerade freundlich schaue, haben andere eher den Eindruck, ich schaue streng oder neutral.
Wenn ich denke, ich lache, haben andere eher den Eindruck, ich gucke schief oder komisch.
Wenn ich denke, ich schaue angestrengt, sehen andere eher, dass ich unfreundlich schaue.
Ich habe keine Ahnung, wie ich schauen muss, damit die anderen auch genau das in meinem Gesicht sehen, was ich gerade fühle.
Ich weiß es einfach nicht.
Klingt komisch, ist aber so. 😉

Andersrum erkenne ich bei anderen auch nicht, was sie gerade denken oder fühlen. Entweder ich erkenne im Gesicht der Anderen nichts oder ich deute ihre Gesichtsausdrücke oft falsch.
Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber ich weiß, dass es so ist.
Deshalb frage ich schon mal nach, was der andere gerade denkt. Die Menschen in meiner Familie, Freunde und in der Schule wissen das und antworten mir auch immer sehr nett.

Ich habe also Gefühle, sehr viele sogar, weiß aber nicht, wie ich sie zeigen soll, sodass andere sie wirklich verstehen und richtig wahrnehmen können.
Und ich erkenne Gefühle bei anderen nicht, dafür frage ich aber nach.

Das ist alles ein bisschen umständlich aber es geht eben nicht anders.
Wichtig ist nur, dass die Nichtautisten darum wissen. Denke ich.

Der Grund, weshalb ich diesen Eintrag schreibe, besteht nun darin, dass ich gerade das Gefühl habe 😉 , dass Autisten oder „der Autismus an sich“ immer öfter die Sündenböcke für alles mögliche sind. Ein Beispiel dafür ist der Amoklauf, der in den USA passiert ist. Nach ein paar Tagen kamen erste Artikel, in denen stand, dass der Amokläufer ein Autist war und er aufgrund seines Krankheitsbildes so ausgerastet ist.

Das ist medizinischer und psychologischer Unfug.
Das ist falsch.

Solche Artikel und Einträge sorgen aber dafür, dass man uns Autisten noch mehr ausgrenzt oder ärgert, weil die Angst steigt, dass wir ja so gefährlich oder so kalt und eben gefühllos seien.
Und das ist schlimm. Und es ärgert mich.
Und auch diesen Schmerz und diese Angst vor weiterer Schikane und Ausgrenzung fühlen wir. Das fühlt sich dann wie Angst an.
Und es macht uns noch hilfloser als wir uns ohnehin schon fühlen.

Man darf, wie ich finde, nur in wirklich begründeten und fachlich untersuchten und geprüften Fällen eine angeborene Behinderung als Tatgrund verwenden. Und das können nur Fachleute.

Alles andere ist falsch.

Bitte, wenn ihr hört, dass ein Autist oder die Autisten allgemein als gefühllos beschrieben werden, klärt es auf! Sagt, dass Autisten sehr wohl Gefühle haben. Sagt ihnen, dass sie sie nur anders als gewohnt zeigen.

Aber sie fühlen – und wie!

Adrian

Es geht wieder los!

Die Schule hat wieder begonnen und für mich damit der gewohte Alltag.
Jetzt fühle ich mich wieder richtig wohl denn die Schule gibt mir eine schöne und sehr angenehme Struktur.
Natürlich habe ich mitunter auch etwas Stress wie zum Beispiel durch die Schulaufgaben und andere Leistungsnachweise aber ich habe insgesamt doch einen Halt, eine Ordnung, die mir Kraft gibt.
Jedenfalls komme ich langsam wieder rein, in den Schulalltag. Die ersten Leistungserhebungen sind geschrieben und ich habe erste Einsen kassiert. 😉

Das einzige, was ich noch nicht geschafft habe, ist, mich wieder vollständig in die Klasse einzubringen.
Wie kann man sich das vorstellen? Zum Beispiel erscheint es mir an manchen Tagen wie eine unüberwindliche Hürde, andere, also meine Klassenkameraden, ohne Grund anzusprechen, einen der Situation angepassten Witz zu machen oder mich einfach mal so zu anderen zu stellen und mit zu plaudern.
Das habe ich in sechs Wochen Ferien irgendwie wieder ein bisschen „verlernt“. Es wird nun schon eine gewisse Zeit lang dauern bis ich es geschafft habe, mit einem etwas mutigeren, „cooleren“ Gefühl, solche Situationen zu bewältigen – und Spaß dabei zu haben!
Ich habe es dieses Jahr aber einfacher, weil ich das Gefühl habe, dass die anderen mich wirklich immer mehr mögen. Ich glaube auch, dass sie versuchen mir zu helfen, mich wieder in die Klasse einzubringen. Und das ist für mich eine zusätzliche Motivation.
So sprechen mich die Jungs eh oft an, fragen gezielt nach bestimmten Dingen, grüßen mich immer sehr nett und zwar ohne, dass ich zuerst grüßen müsste.
Gut, ich muss auch sagen, dass sich auch zumeist mit fachlichen Fragen an mich gewandt wird. Aber auch hier wollen meine Klassenkameraden wirklich meine Meinung, meine Ansicht zu bestimmten Dingen, wissen und das freut mich.

Als ich vor drei Jahren an diese Schule kam, wollte ich einfach nur meine Ruhe haben: ‚Die sprechen mich nicht an und ich sie nicht!‘ Das war eben auch eindeutig meinen schlimmen Vorerfahrungen geschuldet.
Diese Einstellung jedoch war nach der siebentägigen Skifreizeit in der siebten Klasse nahezu verschwunden und ich wollte ab diesem Zeitpunkt gern dazugehören.
Dafür trainierte ich daheim Dialoge, Witze, übte Deutungen, Interpretationen und Smalltalk. Gut, das trainiere ich auch heute noch. 😉 Warum zum Beispiel ist derselbe Witz in der einen Situation total lustig für die Menschen und in der anderen Situation lacht über denselben Witz niemand? Das versteh ich einfach nicht.
Ich bin auch dem Geheimnis des Zusammenstehens in Plaudergruppen noch nicht wirklich näher gekommen. Alles, worüber die Jungs (und manchmal auch Mädels) dann quatschen und lachen, das versteh ich vom Sinn her nicht: Es hat für mich einfach keinerlei Sinn. Ich finde dabei nichts komisch oder zum Lachen.
Aber solche Plaudergruppen sind irgendwie wichtig um „dazuzugehören“, so mein Eindruck.
Naja, ich stelle mich meist zu einer solchen Gruppe dazu und höre zu und beobachte. Und ich werde von den anderen immer öfter mit einbezogen ins Gespräch. Gut, ich gebe dann leider irgendwie immer solche Antworten, die jedes weitere Geplaudere im Keim abwürgen 😉 aber ich übe ja noch… 🙂

Insgesamt habe ich schon das Gefühl: Ich habe es geschafft dazuzugehören.

Bei diesem Prozess ist es schon auch passiert, dass ich ab und an wieder ein bisschen zurückgeworfen wurde aber das gehört vielleicht zum Leben dazu:
In gemischter Erinnerung ist mir in dem Zusammenhang noch der Klassenwechsel von der siebten zu achten Klasse:
Ich wurde aufgrund der Zweigwahl mit neuen Kindern zusammen gewürfelt. Ich habe noch deutlich die Kennlernfreizeit am Anfang der achten vor Augen… Denn die war eine Katastrophe, zumindest am Anfang.
Am ersten Tag wurde ich aufgrund meines zurückgezogenen und manchmal auch eigentümlichen Verhaltens provoziert (ich wollte als Lagerfeuer mein eigenes kleines Feuer haben), bis ich schließlich zusammenbrach.
Es wurden dann schon gleich mal alle Kinder über mich und Autismus aufgeklärt. Trotzdem hat dieses Ereignis mich zurückgeworfen.
Ich fing also gefühlt von vorne an mit meiner „Selbstintegrationsarbeit“.
Doch mein Fachwissen, meine Freundlichkeit und meine Ehrlichkeit haben aber letztlich, wie ich glaube, bewirkt, dass man mein „komisches“ Verhalten vergessen hat oder als zwar gegeben aber „nicht weiter tragisch“ hinnimmt und sonst eher mein derzeitiges „Ich“ sieht.
Zudem war ich eine sehr lange Zeit in Einzel-Therapie und habe dort, was mein soziales Verhalten angeht, einen riesigen Schritt nach vorn gemacht.
Und große Schritte mache ich seitdem dauernd. 🙂
Doch trotzdem bin ich immer noch nicht soweit, dass ich mit den anderen mithalten könnte, was zum Beispiel die oben schon beschriebene Art der Interaktion in der Gruppe betrifft.
Aber ich ahne ein bisschen, dass ich es wohl nie so ganz schaffen werde, „normal“ zu sein.
Aber das muss ich vielleicht auch nicht.
Denn ich denke mittlerweile, dass es reicht, wenn ich mich ein gewisses Maß anpasse und hoffe, dass man mich dann so akzeptiert wie ich bin.
Und das ist in meiner Klasse zum Glück kein Problem. Ich bin beliebt und man redet mit mir. Das ist das, was ich erreicht habe und was ich brauche und auf dem aufbauend schaffe ich es sicher auch bald wieder Witze zu machen, die alle vom Sockel hauen. 😉
Adrian